Baden-Baden (fra), 10.12.2003, 12:11  Blickpunkt:Film

15. Fernseh-Filmfestival in Baden-Baden: Spätes Glück für Baiers "Schwabenkinder"

Jo Baiers Verfilmung "Schwabenkinder" wurde beim 15. Fernsehfilm-Festival Baden-Baden unter zwölf Wettbewerbsbeiträgen als bester Fernsehfilm des Jahres mit dem Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der darstellenden Künste ausgezeichnet. Mit Sonderpreisen wurden die Schauspielerin Nicolette Krebitz und das Team Krohmer/Nocke/Fuß von "Familienkreise" bedacht.

Der große Sieger: "Schwabenkinder" von Jo Baier mit Tobias Moretti und Jürgen Tarrach
Der große Sieger: "Schwabenkinder" von Jo Baier mit Tobias Moretti und Jürgen Tarrach  
Seinen ureigenen Charakter hat sich das Baden-Badener Festival auch beim 15. Mal bewahrt. Es geht einzig und allein um den Fernsehfilm, und deshalb wird in der Rotunde des Baden-Badener Kurhauses vordergründig ferngesehen - vier Tage lang. Ab und an werden Tee, Lebkuchen und Spekulatius gereicht, und nach jeder Vorführung tagt die sechsköpfige Jury vor dem Publikum und tut in aller Öffentlichkeit ihre Ansicht kund. Zumeist entwickeln sich daraus lebhafte Diskussionen, an denen sich das Publikum und häufig auch die frisch kritisierten Filmemacher beteiligen. Dass dieses Verfahren auch zu bitteren Momenten für die Beteiligten führen kann, bekam die Sat.1-Produktion "Mutter auf der Palme" zu spüren, die bei den Juroren auf Grund des übermittelten "eindimensionalen und antiquierten Frauenbildes" komplett durchfiel. Trotz dieser unnachgiebigen Härte kann man der Jury um den scheidenden Vorsitzenden Martin Wiebel (2004 tritt Norbert Schneider seine Nachfolge an) zu ihren Entscheidungen nur gratulieren.

Jo Baiers "Schwabenkinder", beim Deutschen Fernsehpreis noch leer ausgegangen, erhielt als Siegerfilm nach einem Preis beim Festival in Trient endlich auch auf nationaler Ebene die überfällige Anerkennung. Dem Filmpreis-Gewinner "Unter Verdacht: Eine Landpartie" blieb lediglich das Lob der Juroren - dieses jedoch einhellig und in höchsten Tönen. Ähnlich erging es dem von Arte eingereichten Beitrag "Himmel, Polt und Hölle" von Julian Roman Pölsler. Einen Sonderpreis bekamen Stefan Krohmer (Regie), Daniel Nocke (Buch) und Gunnar Fuß (Kamera) für die oft nominierte, aber noch nie prämierte BR-Produktion "Familienkreise". Ein zweiter Sonderpreis ging anNicolette Krebitz für ihre herausragende Darstellung einer manisch-depressiven Frau in dem ZDF-Drama "So schnell du kannst".

Beste Darstellerin: Nicolette Krebitz in "So schnell du kannst"
Beste Darstellerin: Nicolette Krebitz in "So schnell du kannst"  
Erstmals in der Geschichte des Festivals herrschte zwischen der Jury und den 3Sat-Zuschauern Einigkeit. Der Sender begleitete das Festival mit der Ausstrahlung der Wettbewerbsbeiträge und ließ danach seine Zusachauer abstimmen: So ging auch der Publikumspreis an "Schwabenkinder".

Mit dem Nachwuchspreis MFG-Star wurde Hans Sebastian Steinbichler "Hierankl Clip" ausgezeichnet. Der als Ein-Mann-Jury kurzfristig für die an Lungenentzündung erkrankte Doris Dörrie eingesprungene Hendrik Handloegten zeigte mit dieser Entscheidung Größe, zog er doch beim Filmfest München mit seinem Film "Liegen lernen Clip" gegenüber Steinbichler den Kürzeren. Der Nachwuchs stand in diesem Jahr ganz besonders im Fokus des Festivals, denn anlässlich seines 40-jährigen Bestehens wurde dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF eine Retrospektive und die alljährliche Filmpremiere gewidmet. Darüber hinaus fand eine Podiumsdiskussion zum Thema Nachwuchsförderung statt. Die Reduktion, von der die TV-Movies betroffen sind, macht vor den Nachwuchs- und Debütfilmen Halt. Dort werde der Status quo gehalten, stellten Heike Hempel, die Leiterin des Kleinen Fernsehspiels, und Carl Bergengruen vom SWR unisonso klar. Im weiteren Verlauf machte Hempel darauf aufmerksam, dass sie bei vielen jungen Produzenten und Filmemachern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen vermisse - "viele träumen nur vom Kino".

1800 Zuschauer bei Tee und Spekulatius

Wer in Baden-Baden zu Gast war, hatte dazu keinen Anlass. "Rundum positiv", so fiel auch die Bilanz von Festivalleiter Karl-Otto Saur nach dem "kleinen Jubiläum" des mit einem Budget von 130.000 Euro ausgestatteten Festivals aus. Die Zahl der registrierten Teilnehmer ist auf inzwischen 400 angestiegen. "Dazu kamen über die vier Festivaltage verteilt rund 1800 Filmzuschauer", freute sich Saur über den gewachsenen Zuspruch. Auch die im Vorfeld kritisch beäugte Entscheidung, den Abend der Preisverleihung erstmals mit Moderatorin (sehr erhellend: Tina Mendelsohn von der 3Sat-Kulturzeit) zu bestreiten, erwies sich als gelungene Novität. Vor al-lem zeigte sich Karl-Otto Saur jedoch mit der ausgewogenen Filmauswahl zufrieden, "weil ganz verschiedene Genres bedient wurden und kein einziger Ausfall darunter war".


Quelle: Blickpunkt:Film

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